Beschreibung der Pfarrkirche Sankt Cornelius

 

Zur Geschichte

Seit 1970 entstand der heutige Neusser Stadtteil Erfttal, zunächst mit Hochhäusern entlang der Euskirchener Straße, später auch mit kleineren Mietshäusern und Eigenheimen im östlichen Ortsbereich. Seit 1972 diente eine Notkirche als kirchliches Zentrum, bis im Jahr 1979 der Grundstein zur heutigen Kirche gelegt wurde, die am Nikolaustag 1980 geweiht wurde.

Städtebau

Die Umgebung der Pfarrei St. Cornelius ist durch gemischte Wohnbebauung gekennzeichnet. Kirche und Kirchplatz sind von der Euskirchener Str. durch einen breitgelagerten Komplex dreigeschossiger Wohn- und Geschäftshäuser getrennt, ein großer Durchgang leitet zum „Corneliusplatz“ über, der von den zurückliegenden Wohnstraßen auch durch Fußwege erreicht werden kann. Der unmittelbare Kirchplatz mit Kirche, Kindertagesstätte und Pfarrheim ist autofrei und bietet mit einem Brunnen, Bepflanzung und mehreren Sitzbänken einen einladenden Aufenthaltsort. Entlang der Euskirchener Straße gibt es solche geschützten Plätze nicht, deshalb ist dieser Platz wichtiger Treffpunkt und Kommunikationsort für Erfttal und damit eindeutiger städtebaulicher Schwerpunkt.

Die Kirche erhebt sich nur wenig über die Umgebungsbebauung hinweg, ordnet sich also einerseits der Bebauung ein, hebt sich durch die auffallende Form ihres gefalteten Daches aber gestalterisch deutlich heraus und verweist damit auf ihre sakrale Funktion.

 

Architektur – Gestaltung

Der Grundriss der Kirche ist aus wabenartig aneinandergefügten, unregelmäßigen Sechsecken gebildet; sechs Waben umschließen kreisförmig eine mittlere, die den Altarbereich der Kirche bildet. Eine Wabe (im Osten) ist zum Kirchenraum hin abgemauert und gibt der Sakristei Raum, ihre der Gesamtraummitte zugewandte Seite bildet die Rückwand der Altarinsel, welche von den restlichen fünf Raumbereichen offen umgeben ist. Die einzelnen Waben treten im Grundriss nach außen leicht trapezförmig vor. Ein sternförmiges Faltdach überdeckt den Gesamtbau, die sechs Firste laufen vom Zentrum als dem höchsten Punkt leicht nach unten geneigt auf den Mittelpunkt der breiten Außenseiten zu; die Kehlen verlaufen da, wo die gedachten Waben aneinander stoßen. Die sechs Stirnfassaden erhalten so die Form eines ‚Hausumrisses’, bestehend aus breitgelagertem unterem Wandbereich und dreieckiger Giebelfläche. In die Giebelspitze ist jeweils ein großes, auf der Spitze stehendes Fensterquadrat eingefügt, das bis in den unteren Wandbereich hineinragt und dessen untere Spitze jeweils vom dort befindlichen Türsturz oder dem entsprechend umlaufenden Betonringanker abgeschnitten ist. An drei Seiten befinden sich kleine überdachte Vorhallen vor den jeweiligen Portalen.

Im Inneren überfängt das große holzverkleidete Faltdach den Kirchenraum. Im Zentrum - unter dem höchsten Deckenpunkt - steht der Altar in der Mitte der sechseckigen, um zwei Stufen erhöhten Altarinsel. Der Tabernakel steht – um eine weitere Stufe erhöht - axial dahinter vor der Sakristeiwand, die Sedilien sind rechts davon aufgestellt, der Ambo ebenfalls rechts, leicht zurückgesetzt seitlich vom Altar. Vier Blöcke mit Gemeindebänken umstehen die Altarinsel in den einzelnen Raumbereichen. Einzig die südlich an die Sakristei anschließende ‚Wabe’ ist als Taufkapelle und - durch Gitter abgetrennt - als werktags zugängliche Kapelle eingerichtet, die deshalb keine Bänke enthält. Die ‚Wabe’ nördlich der Sakristei nimmt die (2004 erneuerte) Orgel und ein Chorpodest auf, hat aber im vorderen Bereich noch Platz für Bänke.

Die fünf großen Fensterflächen in den Stirnseiten beleuchten den Raum gleichmäßig und relativ gut, wobei dieser mit den Materialien von gedunkeltem Holz und rotem Backstein nicht auf strahlende Helligkeit ausgelegt ist. Die Kirche bietet einen ruhigen, auf die Mitte hin konzentrierten Raum, der durch das Zusammenspiel von Grundriss und Dachform seine besondere Qualität erhält. Die zentralisierende Grundrissgestalt umfängt die feiernde Gemeinde. Die 14m hoch aufsteigende Decke zeichnet den Raum aus, schenkt durch Material und Zeltform aber auch Ruhe und Geborgenheit.

 

Architektur – Konstruktion, Material,

Die Kirche besteht in ihren Umfassungswänden aus Sichtmauerwerk aus roten Backsteinen, denen ein umlaufender Betonringanker aufgelegt ist. Dieser Ringanker umfängt die großen Fensterflächen und ist dort als Sichtbetonrahmung auch sichtbar. In den anderen Bereichen liegt er unmittelbar unter der Traufkante und ist dort mit der heruntergezogenen Dachdeckung aus kleinformatigen Eternitplatten verkleidet. Die Dachkonstruktion ruht im Inneren auf sechs großen Leimbindern, die wiederum auf dem Betonring aufliegen. Die geknickten Flächen zwischen den Holzbindern sind holzverkleidet.

Im Material des Fußbodens zeichnet sich die Grundriss- und Dachform nochmals ab, indem die einzelnen, mit Basaltplatten ausgelegten Bereiche der ’Waben’ an ihren Kanten durch Bänder von kleinem rötlichem Porphyrpflaster begrenzt werden. Die Deckenform spiegelt sich in diesen roten Pflasterbändern – man könnte das deuten, dass dadurch der Himmel in die Gemeinde gespiegelt wird. Die Altarinsel ist auch mit Basaltplatten belegt, nur der Bereich um den Tabernakel ist wiederum mit rotem Porphyr gepflastert.

Die Konstruktion ermöglicht einen stützenfreien Raum; sie ist in Teilen sichtbar, erhebt aber nicht den Anspruch, etwas Besonderes sein zu wollen, sondern ordnet sich dem räumlichen Entwurf vollkommen unter. Die Materialien sind von guter Qualität gewählt, es sind bis auf den Porphyr in der Region anstehende Materialien. Insgesamt steht die Raumform im Vordergrund, auf extravagante Materialien oder Konstruktionsformen wurde bewusst verzichtet. Dies führt zu einem stimmigen, sehr gelungenen Raumeindruck. Einzig das eternitverkleidete Dach wirkt billig und fällt durch die im Gegensatz zu Schiefer glatten und toten Oberflächen aus dem gestalterischen Duktus der Kirche stark heraus.

 

Ausstattung

Die Ausstattung von St. Cornelius zeigt in vielen Details, dass Gestaltung und Ausstattung sorgfältig geplant und aufeinander abgestimmt wurden. Wichtiges Beispiel dafür sind die Portale: Die bronzeverkleideten Eingangsportale besitzen jeweils figürliche Griffe, die auf die Bedeutung des jeweiligen Portals hinweisen: Taube an der Taufkapellentür, Walfisch an der Christustür, Horn an der Corneliustür. Symbolische Verglasung in den schmalen Fensterstreifen neben der Tür und der nach Innen weisende ornamentverzierte Türsturz aus Betonguss unterstreichen inhaltlich jeweils die Bedeutung dieser Portale.

Altar, Ambo, Tabernakel, Taufbrunnen und Kreuzweg sind Arbeiten von Josef Krautwald aus Rheine (1915-2003). Altar, Ambo und Tabernakel zeigen Bronzereliefs, die jeweils einem steinmetzmäßig behandeltem Stein aus Muschelkalk vorgeblendet sind. Die einzelnen Szenen verweisen inhaltlich auf die Bedeutung der jeweiligen liturgischen Orte.

               

Der Taufbrunnen verzichtet auf die Bronzereliefs und zeigt verschiedene Szenen des AT und NT, rundum in den zylinderförmigen Stein gehauen. Friedel Denecke entwarf das mit Wellenformen gestaltete Gitter der Taufkapelle.

                     

Von besonderer Qualität sind die Fenster (1986) der Künstlerin Marianne Strunck-Hilgers (*1931) aus Mönchengladbach. Sie zeigen in großen, stark durch Linien strukturierten Formen fünf Darstellungen zum Thema Licht und prägen den Raum auf sehr positive Weise. Die Ausstattung fügt sich dem Raum gut ein und unterstreicht seine Bedeutung sowie Bedeutung und Inhalte der gefeierten Liturgie.

 

Nutzung und Liturgie

Der zentralisierende Grundriss ermöglicht mit dem mittig stehenden Altar in hohem Maße den Wunsch des Konzils nach gemeinschaftlich um den Altar versammelter Feier. Durch die Einfügung der Sakristei an einer Seite besitzt der Raum trotzdem noch eine gewisse, durchaus positive Richtung nach Osten. Der Altar steht zwar im Mittelpunkt, der Zelebrant wendet jedoch keiner Gemeindegruppe den Rücken zu, kann mit allen Augenkontakt halten. Auch der Ort des Ambos, der in dieser Hinsicht oft noch problematischer ist, ist durch den Verzicht auf Bänke in der Taufkapelle gut gelöst. Auch hier sitzt niemand dem Prediger am Ambo im Rücken.

Der Taufort ist sehr ansprechend und mit Platz gestaltet. Mit Hilfe des gut gestalteten Gitters bietet die Taufkapelle auch die Möglichkeit eines tagsüber geöffneten Raumes. Der Beichtstuhl scheint älter als die Kirche, er ist nicht besonders einladend.

Insgesamt bietet die Kirche einen einladenden, bergenden Gottesdienstraum, der sicher für Menschen mit verschiedensten Wünschen und Vorstellungen ein kirchliches Zuhause bietet.

 

Einordnung in das Oeuvre des Architekten

Der Architekt Hans Jürgen Lohmeyer (1913-1980) verstarb während der Bauarbeiten an St. Cornelius, die dadurch sein letzter Kirchbau wurde. Er hatte 1946 ein eigenes Architekturbüro in Köln eröffnet. Im Bereich des Sakralbaues im Erzbistum Köln zeichnet er verantwortlich für den Wiederaufbau der Dominikanerkirche Hl. Kreuz in Köln (1952) und für die Erweiterungen der Kirchen St. Matthäus in Brühl/Vochem (1965) und St. Franziskus in Reichshof-Eckenhagen (1962). Das Tagungshaus Walberberg entstand um 1955 nach seinen Plänen und zur gleichen Zeit Kirche und Kloster St. Albertus-Magnus in Braunschweig; daneben errichtete er beispielsweise auch das Verkehrsamt in Köln (1955).

Alle Bauten zeichnen sich durch gute Proportionen und gute Gestaltung im Sinn der jeweiligen Zeit aus. Weitere Spätwerke Lohmeyers sind mit einfacher Recherche nicht greifbar, der Bau lässt sich aber auch so als qualitätvolles Spätwerk dieses Architekten einstufen. Die durchdachte, aber doch auf einfachen Formen beruhende Planung ist typisch für zahlreiche Bauten der Zeit, hier aber besonders eindringlich realisiert. Der Werkstoff Holz bekam in der postmodernen Architektur ab den 1980er Jahren wieder eine größere Bedeutung, auch dies lässt sich in Erfttal ablesen.

 

Verfasserin: Dr. Monika Schmelzer, Mai 2006

 

Literatur

Bollenbeck 1995
Hagspiel 1995, S. 876: Lebensdaten, Bauten und Literatur zu Lohmeyer
Koenig, Jochen: Sankt Cornelius im Blickpunkt. Kleiner Führer zur Kirche
, 2000
Becker-Huberti (Hrsg.) 2005, S. 92f, 149